Nach der Klinik, der Tagesklinik und der Reha war ich lange krankgeschrieben. Irgendwann war klar, dass ich in meinen bisherigen Belastungsberuf als Zusteller nicht einfach zurückkehren würde. Während der Reha wurde mir empfohlen, eine berufliche Wiedereingliederung über die Rentenversicherung zu beantragen.
Der erste Antrag wurde abgelehnt. Der Widerspruch dauerte ungefähr ein Jahr. Während dieses Jahres konnte meine Arbeitsvermittlerin die Entscheidung der Rentenversicherung nicht vorwegnehmen, aber sie bereitete mit mir bereits vor, was möglich werden könnte, falls die Umschulung doch genehmigt würde. Dazu gehörte eine berufspsychologische Begutachtung.
Wenn plötzlich fast alles möglich ist
Ich saß dort vor verschiedenen Aufgaben zu Logik, Mathematik und Rechtschreibung. Am Ende zeigte mir die Psychologin meine Ergebnisse und fragte mich, was ich nach dem Abitur gemacht hätte.
Ich hatte kein Abitur. Ich hatte einen Quali.
Meine Testergebnisse lagen nach ihrer Einschätzung auf dem Niveau eines guten Fachabiturienten, in manchen Bereichen darüber. Für eine Umschulung bekam ich deshalb keine fachliche Einschränkung. Im Grunde konnte ich jeden Beruf wählen, der regulär erlernbar war.
Das war eine bemerkenswerte Situation. Jahrelang hatte mein Lebenslauf ziemlich deutlich gezeigt, was mir fehlte: ein Berufsabschluss. Jetzt saß ich plötzlich vor einer großen Zahl von Möglichkeiten.
Eine einfache Antwort wäre angenehm gewesen: „Machen Sie diesen Beruf. Der passt zu Ihnen.“ So funktionierte es nur nicht.
Eine Möglichkeit ist noch keine Richtung
Meine erste Idee war Verwaltungsfachangestellter. Jura hatte mich schon als Kind interessiert, und der Gedanke gefiel mir. Ich nannte den Beruf für mich den „Juristen des kleinen Mannes“.
Meine Arbeitsvermittlerin sah das deutlich nüchterner. In ihrer Behörde arbeiteten viele Menschen, die genau dort regulär ausgebildet worden waren und trotzdem nur befristete Verträge hatten oder immer wieder zwischen Ämtern wechselten. Sie fragte sinngemäß, wie meine Chancen aussehen würden, wenn ich dieselbe Ausbildung über einen externen Bildungsträger absolvierte.
Damit war der Beruf nicht plötzlich schlecht. Ich hatte nur eine Information mehr. Vorher hatte ich vor allem darauf geschaut, ob mich die Tätigkeit interessieren könnte. Jetzt gehörte auch die Frage dazu, welche berufliche Perspektive diese Ausbildung für mich tatsächlich eröffnen würde.
Das veränderte die Entscheidung.
Orientierung besteht aus mehreren Informationen
Die nächste Idee entstand in einem Gespräch mit einer Freundin, die ich während der Reha kennengelernt hatte. Sie wusste, dass mir Computer und Technik ohnehin lagen, und fragte irgendwann, warum ich nicht etwas in der IT mache.
Auch das war zunächst nur ein Vorschlag. Ich sah mir an, welche Berufe es dort gab, und entschied mich schließlich für den Informatikkaufmann. Die Mischung gefiel mir: kaufmännische Themen und Technik, dazu ein Beruf, der mich später nicht auf einen einzigen engen Bereich festlegte.
Keine dieser Informationen hätte allein gereicht. Die Testergebnisse sagten mir, was ich mir fachlich zutrauen konnte. Meine Arbeitsvermittlerin machte sichtbar, wo eine zunächst interessante Idee praktische Schwächen hatte. Das Gespräch über IT öffnete eine Möglichkeit, die ich vorher nicht ernsthaft betrachtet hatte. Meine eigene Erfahrung sagte mir, welche Mischung zu mir passte.
Erst zusammen ergab das etwas, das ich heute Orientierung nennen würde.
Eine gute Antwort braucht einen Standort
Ich glaube, dass ich früher häufig anders entschieden habe. Wenn etwas schwierig wurde, wollte ich wissen: Was mache ich jetzt?
Die Frage ist verständlich. Manchmal muss sie sogar sofort beantwortet werden. Wenn ein Fahrzeug mit glühender Bremse am Straßenrand steht, braucht man keine lange Betrachtung der eigenen Geschichte. Dann braucht man eine konkrete Lösung.
Viele Entscheidungen haben jedoch mehr Zeit. Bei ihnen hilft eine schnelle Antwort nur, wenn die Frage bereits klar ist. Sonst kann eine überzeugende Lösung sehr genau auf etwas antworten, das gar nicht das eigentliche Problem war.
Bei meiner Umschulung hätte die Antwort „Verwaltungsfachangestellter“ durchaus vernünftig geklungen. Sie passte zu einem alten Interesse von mir und war ein anerkannter Beruf. Erst durch zusätzliche Informationen wurde sichtbar, dass für meine damalige Situation andere Möglichkeiten wahrscheinlich sinnvoller waren.
Die Antwort wurde dadurch nicht komplizierter. Der Weg zu ihr wurde genauer.
Orientierung nimmt die Entscheidung nicht ab
Darin liegt für mich ein wichtiger Unterschied. Orientierung bedeutet nicht, dass am Ende jemand anders weiß, was ich tun soll. Die Psychologin hat mir keinen Beruf zugewiesen. Meine Arbeitsvermittlerin hat mir einen Weg ausgeredet, aber keinen anderen vorgeschrieben. Die Freundin aus der Reha hat IT erwähnt, aber sie musste später weder zur Umschulung fahren noch meine Prüfung schreiben.
Die Entscheidung blieb bei mir. Gerade deshalb waren die anderen Perspektiven hilfreich. Sie nahmen mir die Verantwortung nicht ab. Sie halfen mir, genauer zu sehen, worüber ich überhaupt entschied.
Das klingt vielleicht nach einem kleinen Unterschied. Für mich ist er ziemlich groß. Ein Rat sagt häufig: Mach das. Orientierung sagt eher: Schau dir diese Dinge noch an, bevor du entscheidest.
Die bequemste Antwort ist manchmal einfach früh
Einfache Antworten haben ihren Reiz. Sie machen eine offene Situation überschaubar. Solange noch mehrere Wege möglich sind, bleibt Unsicherheit bestehen. Eine klare Empfehlung beendet diese Unsicherheit zumindest für einen Moment.
Das macht sie nicht automatisch falsch. Ich habe nur gelernt, skeptischer zu werden, wenn eine Antwort sehr schnell kommt und sehr wenig über die konkrete Geschichte wissen muss.
„Du solltest kündigen.“ „Du musst dich einfach durchsetzen.“ „Mach eine Umschulung.“ „Bleib dran.“
Jeder dieser Sätze kann in einer bestimmten Situation sinnvoll sein. Ohne den Zusammenhang weiß man allerdings wenig darüber, ob er zu diesem Menschen, diesem Zeitpunkt und dieser tatsächlichen Frage passt.
Manchmal braucht es deshalb zunächst keine weitere Antwort. Es braucht ein genaueres Bild.
Was gehört überhaupt zur Entscheidung?
Bei meiner beruflichen Neuorientierung gehörten dazu ziemlich verschiedene Dinge. Meine gesundheitliche Situation setzte Grenzen. Die Testergebnisse öffneten Möglichkeiten. Der Arbeitsmarkt spielte eine Rolle. Meine Interessen ebenfalls. Dazu kam eine Frage, die ich damals wahrscheinlich noch weniger klar formuliert hätte: In welchem Beruf kann ich etwas von dem nutzen, was ich bereits kann?
Keiner dieser Punkte war allein entscheidend. Zusammen veränderten sie den Blick.
Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb Orientierung für mich mehr ist als Information. Informationen kann man sammeln, ohne dass daraus ein Zusammenhang entsteht. Orientierung beginnt dort, wo diese Informationen zueinander in Beziehung kommen und ein Mensch seinen eigenen Standort darin erkennt.
Dann wird aus „Was kann ich machen?“ langsam eine bessere Entscheidungsgrundlage. Die Antwort kann danach erstaunlich schlicht sein.
Der Beruf war am Ende nur ein Name
Im Februar 2019 begann ich die Umschulung zum Informatikkaufmann. Der Weg dorthin war danach alles andere als geradlinig. Corona fiel fast vollständig in diese Zeit, es gab Streit um Fehlzeiten, Probleme mit der Prüfungszulassung und später einen Konflikt im Praktikum.
Die Entscheidung musste sich also noch bewähren. Am Ende bestand ich die Abschlussprüfung mit 2,1. Meine Projektarbeit bekam 96 von 100 Punkten. Zum ersten Mal hatte ich einen Berufsabschluss, den ich mir selbst ausgesucht hatte.
Dass diese Entscheidung tragfähig war, lag für mich rückblickend nicht daran, dass irgendwann jemand die richtige Antwort kannte. Vor der Antwort war etwas anderes passiert.
Ich wusste genauer, was ich konnte. Ich wusste mehr darüber, welche Wege realistisch waren. Ich kannte einige meiner eigenen Interessen und hatte verstanden, welche praktischen Bedingungen mitentscheiden würden. Der Name des Berufs kam ziemlich spät.
Vielleicht beginnt Klarheit einen Schritt früher
Seitdem bin ich vorsichtiger geworden mit Antworten, die sehr früh sehr endgültig klingen.
Eine Entscheidung kann richtig sein, obwohl man noch Zweifel hat. Orientierung schafft keine Garantie. Auch ein sorgfältig gewählter Weg kann sich später als falsch herausstellen oder sich durch Umstände verändern, die vorher niemand kennen konnte. Sie verändert nur die Ausgangslage.
Wer weiß, wo er ungefähr steht, muss nicht jeden Weg ausprobieren, nur weil er offen ist. Und wer versteht, welche Dinge bei einer Entscheidung tatsächlich eine Rolle spielen, kann einen Rat besser einordnen, statt ihn einfach zu übernehmen.
Vielleicht brauchen wir deshalb an manchen Stellen weniger die Person, die uns sagt, was wir tun sollen. Vielleicht brauchen wir zunächst einen Blick auf die Karte.
Die Entscheidung, wohin wir gehen, bleibt danach immer noch unsere eigene.