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06. Oktober 2026

Mit zehn Jahren und einem Telefonbuch

Mit zehn Jahren und einem Telefonbuch

Meine Mutter hat mich vor einiger Zeit an eine Geschichte erinnert, die ich selbst fast vergessen hatte.

Ich war zehn Jahre alt und wollte unbedingt aufs Gymnasium. Ihr war nicht besonders wichtig, auf welche weiterführende Schule ich ging. Mir schon. Also nahm ich das Telefonbuch.

Ich suchte die Nummern der drei Gymnasien in Rosenheim heraus und rief dort an. Ich fragte, welche Schwerpunkte die Schulen hatten und wie man sich anmelden konnte. Dabei erfuhr ich, dass ich die Anmeldung nicht selbst erledigen konnte. Dafür brauchte es einen Elternteil.

Also bearbeitete ich meine Mutter so lange, bis sie mit mir zum Finsterwalder-Gymnasium fuhr. Es war der letzte Tag, an dem man sich noch anmelden konnte. Sie füllte den Anmeldebogen aus. Die Aufnahmeprüfung einige Wochen später habe ich bestanden.

Eine ziemlich gute Geschichte über Selbstständigkeit

Wenn ich diese Szene heute erzähle, liegt eine bestimmte Lesart ziemlich nahe.

Da ist ein zehnjähriger Junge, der genau weiß, was er will. Er wartet nicht darauf, dass jemand seine Zukunft für ihn organisiert. Er beschafft sich die Informationen, telefoniert mit den Schulen, überzeugt seine Mutter und schafft anschließend die Aufnahmeprüfung.

Man könnte daraus eine kleine Erfolgsgeschichte machen. Ich wäre vermutlich nicht einmal völlig dagegen. Die Initiative war real. Ich wollte auf diese Schule und habe mich darum gekümmert. Niemand musste mich antreiben.

Trotzdem bleibt bei mir inzwischen etwas an dieser Geschichte hängen. Mit zehn Jahren selbstständig drei Gymnasien anzurufen, ist eine bemerkenswerte Fähigkeit. Es ist gleichzeitig eine ziemlich ungewöhnliche Aufgabe für einen Zehnjährigen.

Beides kann zur selben Geschichte gehören.

Was genau bewundern wir da?

Bei Kindern und Jugendlichen nennen wir bestimmte Verhaltensweisen schnell selbstständig, vernünftig oder reif. Oft stimmt diese Beschreibung sogar. Ein Kind kann tatsächlich ungewöhnlich selbstständig sein.

Die Frage ist nur, was damit bereits erklärt ist. In meinem Fall sagt die Selbstständigkeit zunächst etwas darüber aus, was ich konnte. Sie sagt noch wenig darüber aus, warum ich es an dieser Stelle selbst übernommen habe.

Meine Mutter wollte mich nicht vom Gymnasium fernhalten. Der Schultyp hatte für sie einfach nicht dieselbe Bedeutung wie für mich. Also kümmerte ich mich um das, was mir wichtig war. Das kann man als Stärke betrachten.

Heute sehe ich daneben einen Jungen, der mit zehn bereits ziemlich selbstverständlich davon ausging, dass er selbst aktiv werden musste, wenn ihm etwas wichtig war. Diese zweite Sicht macht die erste nicht falsch. Sie verändert nur den Ausschnitt.

Die Fähigkeit war echt

Mir ist diese Unterscheidung wichtig, weil die andere Richtung genauso schnell zu einfach werden kann. Es wäre leicht, die Geschichte im Rückblick zu nehmen und zu sagen: Natürlich war dieser Junge so selbstständig, er musste es ja sein.

Damit würde ich ihm etwas wegnehmen. Ich wollte aufs Gymnasium. Ich hatte eine Vorstellung davon, was ich erreichen wollte. Ich habe telefoniert, nachgefragt und meine Mutter überzeugt. Das war meine Entscheidung und meine Initiative.

Eine Fähigkeit verliert ihren Wert nicht dadurch, dass sie möglicherweise auch eine Geschichte hat.

Ich konnte früh Dinge selbst regeln. Später ging ich als Jugendlicher zur Bank, wenn zu Hause Geld für Lebensmittel fehlte. Ich öffnete die Tür, wenn ein Gerichtsvollzieher davorstand und meine Mutter nicht in der Lage war, das Gespräch zu führen.

Diese Situationen waren deutlich schwerer als die Anmeldung am Gymnasium. Ich möchte sie auch nicht einfach gleichsetzen. Sie zeigen nur, dass Selbstständigkeit in meinem Leben früh einen ziemlich großen Platz hatte.

Fünf Jahre später

Das Bild wird für mich erst richtig interessant, wenn ich ein zweites danebenstelle.

Einige Jahre nach diesen Telefonaten war ich immer noch auf einem Gymnasium. Wenn ich dort war, war ich ein guter Schüler. Ich war nur zu oft nicht da. Und oft meint in diesem Fall mehrmals 70 unentschuldigte Fehltage.

Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag musste ich auf die Hauptschule wechseln. Dort fiel mir der Stoff leicht. Den Quali machte ich mit 1,2.

Was ich heute sicher über diesen Gegensatz weiß: Da ist auf der einen Seite der Zehnjährige, der selbst bei drei Schulen anruft, weil er unbedingt aufs Gymnasium möchte. Auf der anderen Seite steht wenige Jahre später derselbe Junge, der immer seltener hingeht, obwohl die Leistung offenbar nicht das Problem war.

Ich könnte heute versuchen, diese beiden Bilder mit einer sauberen Erklärung zu verbinden. Ich könnte sagen, weshalb sich etwas verändert hat, was damals in mir vorging oder was der eigentliche Grund für die Fehlzeiten war.

Ich weiß es nicht zuverlässig genug. Und vielleicht wird die Geschichte gerade dadurch interessanter.

Stärke erklärt einen Menschen noch nicht

Wenn wir bei einem Kind früh eine Stärke sehen, entsteht daraus leicht ein Gesamtbild.

„Der ist selbstständig.“ „Die weiß genau, was sie will.“ „Der kommt schon zurecht.“

Solche Sätze können stimmen und trotzdem nur einen Teil beschreiben. Ein Kind, das etwas allein regelt, zeigt damit zunächst, dass es diese Sache allein regeln kann. Daraus folgt noch nicht, dass es sie allein regeln sollte. Und es folgt auch nicht, dass es an anderen Stellen dieselbe Sicherheit, Klarheit oder Ausdauer hat.

Bei mir lagen der Telefonbuch-Junge und der Jugendliche mit den vielen Fehlzeiten nur wenige Jahre auseinander. Ich muss keinen von beiden zum „eigentlichen“ Sebastian erklären.

Vielleicht waren beide ziemlich echt.

Lob kann den Blick verkürzen

Heute denke ich bei früher Selbstständigkeit deshalb vorsichtiger.

Wenn ein Zehnjähriger eine Aufgabe übernimmt, die man eher bei seinen Eltern vermuten würde, kann man beeindruckt sein. Ich bin es bei meiner eigenen Geschichte sogar ein bisschen. Nur würde ich inzwischen gern eine Frage mehr stellen:

Welche Aufgabe hat dieses Kind gerade übernommen?

Das klingt ähnlich, meint für mich aber etwas anderes als die Frage, wie selbstständig es schon ist. Denn Lob richtet den Blick schnell auf das Ergebnis. Das Kind hat es geschafft. Es hat eine Lösung gefunden. Es hat sich durchgesetzt.

Die Umstände, in denen diese Fähigkeit gebraucht wurde, geraten dabei leicht aus dem Blick. Das macht das Lob nicht falsch. Es macht die Geschichte größer.

Manches sieht von außen früher aus

Rückblickend gibt es Eigenschaften an mir, die schon sehr früh sichtbar waren. Ich konnte auf Menschen zugehen. Ich konnte Fragen stellen. Ich konnte mir Informationen beschaffen und ziemlich hartnäckig werden, wenn ich etwas wollte.

Vieles davon hilft mir bis heute. Dasselbe gilt für meine Fähigkeit, Dinge selbst zu regeln.

Ich möchte daraus keine Schwäche machen, nur weil ich inzwischen genauer auf ihre Geschichte schaue. Ich möchte sie auch nicht nachträglich zum Beweis dafür erklären, dass ich mit zehn besonders reif gewesen sei.

Vielleicht war ich an manchen Stellen einfach sehr selbstständig. Vielleicht war diese Selbstständigkeit an manchen Stellen früher notwendig, als sie hätte sein müssen.

Diese beiden Gedanken vertragen sich für mich inzwischen erstaunlich gut.

Der Junge mit dem Telefonbuch bleibt

Ich mag die Geschichte heute noch. Ich sehe mich mit zehn Jahren dort sitzen, ein Telefonbuch vor mir, und bei drei Schulen anrufen, weil ich herausfinden wollte, welche davon die richtige für mich sein könnte.

Es gibt an dieser Szene nichts, das ich nachträglich kleiner machen möchte. Aber wenn ich heute jemanden sagen höre, ein Kind sei „für sein Alter schon unglaublich selbstständig“, höre ich diesen Satz ein wenig anders als früher.

Vielleicht beschreibt er eine Stärke. Vielleicht erzählt er zugleich etwas über die Aufgaben, die dieses Kind bereits übernommen hat. Und vielleicht lohnt es sich manchmal, beides anzusehen, bevor aus einer Fähigkeit eine ganze Erklärung über einen Menschen wird.

Fünf Jahre nach meinen Telefonaten ging ich kaum noch auf die Schule, auf die ich unbedingt gewollt hatte. Ich weiß bis heute nicht genau, was zwischen diesen beiden Bildern liegt.

Gerade deshalb möchte ich keines davon benutzen, um das andere zu erklären.

Sebastian Theiler arbeitet mit Menschen und Organisationen dort, wo das Ungesagte Entscheidungen prägt.
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