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13. Oktober 2026

Mit 40 zwischen Achtzehnjährigen

Mit 40 zwischen Achtzehnjährigen

Die Abschlussprüfung fand bei der IHK München statt, in einem großen Gebäude mit einem überdachten Lichthof in der Mitte. An diesem Tag waren im gesamten Haus mehr als zweitausend Prüflinge verteilt. Knapp dreihundert davon saßen mit mir im Lichthof und schrieben ihre Informatikprüfungen.

Ich war vierzig Jahre alt. Außer den Aufsichtspersonen war niemand älter als ich. Die meisten um mich herum waren achtzehn, neunzehn oder zwanzig. In einem Alter also, in dem eine Abschlussprüfung ziemlich gut in das Bild passt, das wir gewöhnlich von einer Ausbildung haben.

Bei mir passte sie dort nicht mehr so recht hinein.

Ein ungewöhnlicher Zeitpunkt

Mein Schulweg hatte deutlich früher begonnen, eine andere Richtung zu nehmen. Mit zehn hatte ich noch selbst bei den drei Gymnasien in Rosenheim angerufen, weil ich unbedingt auf eines davon wollte. Einige Jahre später war ich auf dem Gymnasium ein guter Schüler, wenn ich denn überhaupt mal da war. Kurz vor meinem sechzehnten Geburtstag musste ich auf die Hauptschule wechseln und machte später den Quali mit 1,2.

Danach begann ich eine Ausbildung zum Zentralheizungs- und Lüftungsbauer. Eigentlich hatte ich Bankkaufmann werden wollen. Die handwerkliche Ausbildung beendete ich nach ungefähr anderthalb Jahren.

Es folgten viele verschiedene Arbeiten und viele Jahre ohne abgeschlossene Berufsausbildung. Als ich mit ungefähr vierzig Jahren im Lichthof der IHK saß, musste mir niemand erklären, dass mein Weg anders verlaufen war als der der meisten Menschen um mich herum. Das konnte ich sehen.

Die Frage war nur, was daraus folgte.

Der Vergleich liegt auf dem Tisch

Ein Alter bekommt seine Bedeutung selten allein durch die Zahl. Vierzig ist für eine Abschlussprüfung nur dann spät, wenn daneben eine Vorstellung liegt, wann eine solche Prüfung normalerweise stattfinden sollte. Und diese Vorstellung war an diesem Tag ziemlich anschaulich. Sie saß auf den Stühlen um mich herum.

Die anderen Prüflinge mussten dafür überhaupt nichts tun. Niemand schaute mich komisch an. Niemand fragte, was ich mit vierzig dort verloren hatte. Zumindest erinnere ich mich an nichts dergleichen. Der Vergleich entstand schon durch das Bild.

Da sitzen Menschen, die ihre Ausbildung in einem Alter abschließen, das ungefähr zum üblichen Ablauf passt. Schule, Ausbildung, Abschluss, Beruf. Und dazwischen sitzt einer, der für denselben Punkt mehr als zwanzig Jahre länger gebraucht hat.

Man kann auf dieses Bild schauen und vor allem die zwanzig Jahre sehen. Man kann auch auf den Tisch schauen, an dem man gerade sitzt.

Was war an diesem Tag eigentlich meine Aufgabe?

Ich war nicht bei der IHK, um meinen Lebenslauf gegen die Lebensläufe der anderen Prüflinge antreten zu lassen. Ich war dort, um meine Prüfung zu schreiben.

Hinter mir lagen zwei Jahre Umschulung. Der Unterricht hatte als Live-Onlineunterricht stattgefunden, trotzdem musste ich täglich nach München fahren, um dort vor einem Computer zu sitzen. Ein großer Teil der Umschulung fiel in die Corona-Zeit. Wegen meiner Fehlzeiten durch Krankheit und Corona stand zeitweise sogar die Zulassung zur Abschlussprüfung auf der Kippe.

Auch im Praktikum hatte es Konflikte gegeben. Mein Projektthema musste ich gegen Widerstand durchsetzen. Die fertige Projektarbeit bekam, trotzdem oder vielleicht sogar genau deshalb, später 96 von 100 Punkten.

Nichts davon wurde an diesem Prüfungstag leichter oder schwerer, weil die Person am nächsten Tisch zwanzig Jahre jünger war. Meine Aufgabe blieb dieselbe.

Ich musste das, was vor mir lag, zu Ende bringen.

Zu spät für welches Leben?

Der Satz „Dafür ist es zu spät“ klingt zunächst wie eine Aussage über Zeit. Oft steckt darin aber zusätzlich ein Vergleich.

Zu spät für den üblichen Ausbildungsweg. Zu spät im Verhältnis zu Freunden, Kollegen oder Geschwistern. Zu spät für das Bild, das man einmal davon hatte, wo man mit dreißig oder vierzig stehen wollte.

Solche Vergleiche können etwas Reales zeigen. Zwanzig Jahre lassen sich nicht wegdenken. Ein später Berufsabschluss macht aus einem Umweg keinen geraden Weg. Bestimmte Möglichkeiten können tatsächlich an Altersgrenzen, Lebenssituationen oder anderen Umständen hängen.

Bei meiner Abschlussprüfung traf das nur auf die entscheidende Frage nicht zu. Ich durfte die Prüfung schreiben. Ich konnte den Stoff. Ich saß im richtigen Raum.

Was hätte mir die Feststellung geholfen, dass ich dort früher hätte sitzen können? Sie war wahr. Für die Aufgabe vor mir war sie ziemlich bedeutungslos.

Früh wäre auch richtig gewesen

Mir gefällt an dieser Geschichte gerade deshalb keine einfache Botschaft vom Typ „Es ist nie zu spät“. Dafür ist das Leben zu konkret.

Manche Dinge haben Fristen. Manche Entscheidungen werden mit den Jahren schwieriger. Manche Gelegenheiten kommen tatsächlich nicht wieder. Und manchmal wäre früher ganz schlicht besser gewesen.

Für meinen Berufsabschluss gilt das wahrscheinlich auch. Hätte ich mit zwanzig bereits eine Ausbildung abgeschlossen, wären manche Jahre meines Lebens anders verlaufen. Ich hätte bestimmte berufliche Möglichkeiten früher gehabt. Ich hätte diese offene Stelle in meinem Lebenslauf nicht so lange mitgetragen.

Ich muss die verlorene Zeit nicht kleinreden, damit ich den späteren Abschluss ernst nehmen kann. Mit vierzig war der frühere Zeitpunkt nur längst vorbei.

Der einzige Zeitpunkt, an dem ich noch etwas tun konnte, war der, an dem ich dort saß.

Ein Umweg bleibt ein Umweg

Vielleicht liegt genau darin ein Unterschied, der mir heute wichtig ist.

Wir können auf einen langen Umweg schauen und versuchen, ihn nachträglich zum Vorteil zu erklären. Dann heißt es schnell, alles habe genauso kommen müssen oder der Umweg sei im Grunde sogar besser gewesen.

Das weiß ich nicht. Ich hätte auf einiges davon gut verzichten können.

Mein fehlender Berufsabschluss war über viele Jahre kein verstecktes Geschenk. Er war eine offene Sache. Bei Bewerbungen, bei beruflichen Möglichkeiten und auch für mich selbst.

Dass ich sie später geregelt habe, macht die Jahre davor nicht wertvoller und schreibt meine Geschichte nicht um. Es verändert nur ihren weiteren Verlauf.

Der Umweg bleibt. Aber er endet irgendwann an einer Stelle, an der man wieder eine eigene Entscheidung treffen kann.

Zwischen jungen Menschen

Ich weiß noch, dass mir der Altersunterschied im Lichthof sehr bewusst war. Er war kaum zu übersehen. Trotzdem war er mir an diesem Tag ziemlich egal.

Das finde ich im Rückblick fast interessanter als die Prüfung selbst. Denn es gab genügend Jahre, in denen ich meinen Bildungsweg als etwas betrachtet hatte, das ich mir verbaut hatte. Das stimmte teilweise sogar. Einige Entscheidungen hatte ich selbst getroffen, andere Dinge waren komplizierter.

An diesem Morgen saß ich trotzdem da. Als Vierzigjähriger mit meiner eigenen Vorgeschichte, zwischen Menschen, die ihre Ausbildung überwiegend in einem ganz anderen Alter abschlossen.

Beides war gleichzeitig wahr.

Die anderen waren kein Maßstab für meine Prüfung

Am Ende schloss ich mit 2,1 ab und lag im oberen Bereich des Münchner Jahrgangs. Ich freue mich über dieses Ergebnis. Auch der Vergleich gehört hier zur Geschichte, weil eine Platzierung ohne andere Ergebnisse gar nicht existiert.

Nur beantwortet dieser Vergleich eine andere Frage. Er sagt etwas darüber, wie gut meine Leistung im Verhältnis zu den anderen Prüfungen war. Er sagt nichts darüber, ob mein Zeitpunkt richtig oder falsch war.

Das hatte ich vorher lange durcheinandergebracht.

Wenn andere früher etwas erreicht haben, kann daraus schnell das Gefühl entstehen, selbst zu spät zu sein. Dabei beschreibt „früher“ zunächst nur eine zeitliche Reihenfolge.

Der andere war mit fünfundzwanzig dort. Ich war mit vierzig dort.

Erst unsere Vorstellung davon, wie ein Lebenslauf aussehen sollte, macht daraus automatisch besser und schlechter.

Was der Abschluss für mich bedeutete

Durch meinen Quali und den guten Berufsabschluss bekam ich anschließend den sogenannten Quabi und damit einen Abschluss, der der mittleren Reife gleichgestellt ist. Auf dem Papier hatte sich damit etwas verändert.

Für mich war etwas anderes wichtiger: Zum ersten Mal hatte ich einen Berufsabschluss, den ich mir selbst ausgesucht und zu Ende gebracht hatte.

Das war keine nachgeholte Jugend. Ich konnte mit vierzig nicht wieder zwanzig werden, und ich hatte auch kein Interesse daran.

Es war ein Abschluss in meinem damaligen Leben. Mit allem, was davor passiert war.

Vielleicht hat gerade deshalb irgendwann die Frage an Bedeutung verloren, ob ich dafür eigentlich zwanzig Jahre zu spät dran war. Die zwanzig Jahre waren ohnehin vergangen.

Der Abschluss lag noch vor mir.

Der eigene Zeitpunkt

Wenn ich heute an diesen Lichthof denke, sehe ich vor allem die vielen jungen Menschen und mich dazwischen.

Das Bild eignet sich hervorragend für eine Geschichte darüber, dass man alles noch schaffen könne, egal wie alt man sei. Genau diese Geschichte möchte ich daraus nicht machen.

Ich weiß nur, was dort für mich passiert ist. Ein Punkt in meinem Lebenslauf, der sehr lange offen gewesen war, konnte noch abgeschlossen werden. Der Zeitpunkt entsprach keiner üblichen Reihenfolge mehr. Er musste das auch nicht, um für mein Leben Bedeutung zu haben.

Vielleicht ist „zu spät“ manchmal eine sehr genaue Beschreibung. Und manchmal sagt der Satz vor allem, dass wir gerade auf die Uhr eines anderen Menschen schauen.

Im Lichthof der IHK war ich vierzig. Die meisten anderen waren ungefähr zwanzig.

Wir schrieben trotzdem dieselbe Prüfung.

Sebastian Theiler arbeitet mit Menschen und Organisationen dort, wo das Ungesagte Entscheidungen prägt.
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